Wenn eine Konsumlüge wahr ist.

1. November 2016
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BRENNLUST | Blog Handmade with Love

Kürzlich durfte ich einen Artikel von Blanca beim Splendido-Magazin lesen – der Beitrag handelte von der Liebe, bzw. davon, dass Liebe oder Shabby, handmade, Pop up, Guerilla, made with love, klein aber fein, DIY  usw. derzeit als beliebte Marketing-Begriffe verwendet werden. Blanca ist irritiert und müde davon, z.B. behauptet ein großer Getränkeproduzent aus Bayern, auf seinem Etikett, dass seine Fruchtschorle mit Liebe gemacht sei. Blanca hat die Schnauze voll. Ich verstehe Blanca. Und ich pflichte Blanca bei, wenn sie schreibt:

„Liebe kann man nur draufschreiben. Drin ist sie nie. Dinge werden nicht zu dem, was man draufschreibt, nur weil man es draufschreibt.“

Aber was soll ich mal draufschreiben, wenn mein Gin mal fertig ist? Meinen Gin hab‘ ich wirklich selbst gebrannt (handmade), sogar das Rezept ist selbst kreiert! Die Auflage wird sich definitiv in Grenzen halten und ist limitiert (klein aber fein) und mit Liebe und Leidenschaft ist der Gin auch noch hergestellt (made with love). Blanca, was bleibt mir dann noch? Dürfte ich es draufschreiben, weil ich es beweisen könnte?

Mal im Ernst: Wie verklickere ich auf glaubwürdige Weise meinen zukünftigen Kunden, dass der Gin handmade with love als limited edition hergestellt wurde? Ich möchte schließlich auch ernstgenommen werden – ich möchte bestenfalls den Kunden einer Supermarktkette, der zufrieden aber getäuscht eine Flasche  Schwarzwälder Kirschwasser (einer Industriebrennerei) kauft, davon überzeugen, dass die Ware eines kleinen, regionalen Brenners, der sich Gedanken um Qualität und Kombination der Rohstoffe macht, durchaus besser sein kann, als ein 0815-Produkt, das berechtigterweise deutlich billiger ist.

Alles Made with Love?

Ja Blanca, ich gebe dir recht – Made With Love ist auch bei mir nicht die ganze Wahrheit. Ich habe bei meiner Gin-Arbeit nicht immer ein Lächeln im Gesicht, ich bin häufig einfach nur gefrustet. Da probiert man ganz optimistisch ein neues Rezept aus und das entpuppt sich als vollkommene Niete – und dann fragt man sich – ist das Rezept einfach mies? Oder habe ich mies gebrannt? Habe ich irgendetwas übersehen, was das vermeintliche Top-Rezept zunichtemacht?

In solchen Momenten bin ich schon mal gefrustet - und an einem regnerischen Sonntag hänge ich auch gerne mal auf der Couch bei einer Tasse Tee und lese einen spannenden Krimi. Ich muss mich selbst also auch mal antreiben – bin aber dann umso glücklicher, wenn sich die Mühen gelohnt haben und etwas Feines aus der Destillier-Anlage läuft.

Just in diesem Moment probiere ich gerade mein allererstes Himbeer-Geist-Rezept (während mein Freund im Wohnzimmer auf der Couch liegt und eine Sitcom schaut, seufz). Ich konnte mal wieder kein fertiges, recherchiertes Rezept verwenden, sondern musste die Rezeptur an meine Gegebenheiten und Erfahrung anpassen (Wieder kann ich beim Scheitern keinem andern außer mir die Schuld in die Schuhe schieben…). In der Brennblase liegt also gerade ein Gemisch aus Himbeeren, Neutralalkohol, Wasser und Ingwer. Ja, Ingwer. Ich habe gelesen, Ingwer soll hier wie ein natürlicher Aromaverstärker funktionieren. Wir werden schmecken, ob diese Himbeer-Ingwer-Kombination funktioniert. In der Blase herrschen gerade Umgebungstemperaturen von 35°C – also noch genug Zeit um ein bisschen zu schreiben. Wo waren wir stehen geblieben, Blanca?

Bei Leidenschaft. Also bei Enthusiasmus, beim Streben nach einem Ziel, oder: die Liebe zu etwas - aber auch Hass – also wenn die Leidenschaft Leiden schafft. Bei mir hat dieser Begriff also nicht nur eine positive Konnotation, sondern ganz klar auch eine negative. Ich müsste also auf mein Flaschenetikett nicht nur „Made With Love“ schreiben, sondern „Made with Passion“, Made with Blood, Sweat and Tears“, oder „Abgefüllt mit Erleichterung“, „Finalisiert, weil ich fertig war“. „Die Gin-Passion“ – klingt irgendwie theatralisch, passt aber relativ gut zu dieser Prozession.

Klingt doch irgendwie negativ, oder? Will man das als Kunde so ehrlich und authentisch?

Also Blanca, wenn du eine Idee hast, wie ich meine Liebe und Leidenschaft zu diesem Handwerk authentisch verkaufen kann – dann nur her damit.

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Brennerin und Inhaberin von BRENNLUST, Andrea Koch

Autorin Andrea

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