Warum Obstbrände die unterschätzte Königsdisziplin sind – und was echte Obstbrände ausmacht
Neulich hatten wir Besuch von Freunden. Sie schwärmten vom Urlaub in Schottland und seinen Whisky-Destillerien. Whisky sei etwas ganz Besonderes und so aufwendig und komplex. Und schwieriger herzustellen als Obstbrände.
Ehm, what?!
Ich bekam direkt Puls.
Zwei Welten – beide faszinierend
Versteh mich nicht falsch: Ich liebe Whisky! Die schottischen Destillerien sind beeindruckend, und guter Whisky ist eine Kunst für sich. Mein Mann Matthias wird bestätigen: Egal wo wir Urlaub machen, ein Besuch einer Destillerie muss immer eingeplant werden – ob Whisky, Rum oder Gin. Jedes Handwerk hat seine eigene Faszination und seinen eigenen Anspruch.
Aber die Vorstellung, dass Whisky grundsätzlich anspruchsvoller sei als Obstbrand-Brennen, hat mich ins Grübeln gebracht. Denn innerhalb der Brenner-Branche ist sich das Gros einig, dass die Obstbrennerei eine der anspruchsvollsten Disziplinen darstellt. Auch die Mehrheit der Brennereien, die beide Produkte herstellen – Obstbrände und Whiskys – wird das bestätigen.
Und ich hatte direkt ein Déjà-vu: Ein fast identisches Erlebnis hatte ich vor einigen Jahren, als Freunde von einer Kreuzfahrt zurückkamen. Sie hatten eine Rum-Destillerie auf Barbados besucht und kamen mit einer sehr ähnlichen Schwärmerei zurück. Ähnliche Geschichten habe ich auch schon beim Gin erlebt.
Aber woran liegt es, dass Spirituosen aus fernen Ländern oft mehr Aufmerksamkeit bekommen als die Obstbrände, die direkt vor unserer Haustür mit ebenso viel Können und Leidenschaft hergestellt werden?
Urlaubserinnerungen sind emotional aufgeladen
Im Urlaub ist man entspannter, umgeben von schöner Landschaft, gutem Essen, netten Menschen. Diese emotionale Aufladung färbt die Erinnerung. Dazu kommt: Unser Gedächtnis ist wählerisch – es speichert eher das Schöne, während Unangenehmes verblasst.
Stell dir vor:
Stell dir vor...
In der Normandie: „Was für ein Bild – der alte Franzose in der Apfelwiese, goldene Abendsonne, ein Weidenkorb voller Äpfel. Das ist noch echtes Leben! Wahrscheinlich macht er seinen eigenen Calvados, ganz traditionell, mit Liebe und Ruhe. So ursprünglich, so authentisch."
Auf der Schwäbischen Alb: „Ach, der Huber mal wieder. Immer noch mit seinem alten Mostkorb unterwegs. Die Wiese schaut auch schon ganz schön wild aus. Ob sich das überhaupt noch lohnt? Wahrscheinlich brennt er wieder 'n paar Fläschle – ist halt sein Hobby."
Und nein, es geht hier nicht darum, die Urlaubserinnerung kaputt zu machen oder die Begeisterung für fremde Kulturen zu schmälern. Im Gegenteil: Diese Begeisterung und Schwärmerei für die Kultur und das Handwerk (egal wo) muss man sich unbedingt bewahren.
Ich bin einfach neidisch. Und ich erklären in diesem Blogbeitrag, warum.
Sichtbarkeit und Marketing machen einen Unterschied
Whisky – insbesondere Schottischer Whisky – hat eine beeindruckende Markenbildung geschafft. Wir haben doch alle dieselben Bilder im Kopf: Weite Wiesen, atemberaubende Hügellandschaft, schroffe Felsküsten, Nebelschwaden, Holzfässer an Steinmauern... In Schottland steht man zum Whisky, sein Export wird politisch gefördert und unterstützt. Das ist bewundernswert und hat dem schottischen Whisky zu Recht zu weltweiter Anerkennung verholfen.
Wir Obstbrenner dagegen? Wir sind häufig Abfindungsbrennereien oder Kleinbrennereien – und dürfen unsere Obstbrände gar nicht exportieren. Obstbrände sind international wahre Raritäten. Zudem gibt es uns vorwiegend im deutschsprachigen Raum, Fachliteratur in Englisch ist rar. Das macht es schwer, international wahrgenommen zu werden – unabhängig von der Qualität unserer Arbeit.
Uns gibt's schon seit Hunderten von Jahren. Und oft werden wir belächelt. Die Kunst des Obstbrennens wird meist innerhalb der Familie von einer Generation an die nächste weitergegeben – ebenso die Obstbäume, die Streuobstwiesen, unsere Grundlage für charaktervolle Edelbrände.
Unser Handwerk war einfach schon immer da. Und weil der Nachbar einen Brennkessel hat oder der Opa schon immer einen im Schuppen stehen hatte, kann es nur schwer so etwas Besonderes sein wie der Brennkessel einer verwunschenen Whisky-Destillerie in den schottischen Highlands.
Was macht einen echten Obstbrand aus?
Bevor ich dir zeige, welche besonderen Herausforderungen das Obstbrand-Brennen mit sich bringt, lass mich erklären, was überhaupt ein echter Obstbrand ist. Denn auf dem Markt gibt es sehr, sehr viele Spirituosen, die aufgrund ihrer Aufmachung suggerieren, ein Obstbrand zu sein.
Der billigste Weg: Neutralalkohol + Aroma
Die Gesetzgebung lässt Herstellern sehr viele Freiheiten – nennen wir es "lebensmitteltechnologische Kreativität". Um eine Williams-Christ-Spirituose herzustellen, wäre es erlaubt, Neutralalkohol mit 96%vol mit Williams-Christ-Aroma und Wasser zu mischen.
Vorteil: Dieser Willi kann saisonunabhängig hergestellt werden, er ist in der Herstellung billig und es bedarf keinerlei Destillationskenntnisse.
Nachteil: Diese Herstellungsweise ist die naturfernste Art, einen Williams-Schnaps herzustellen.
Der echte Obstbrand – ein Williams-Christ Beispiel
Ein Williams-Christ Obstbrand (oder Edelbrand) muss immer aus der vergorenen Maische von Williams-Christ Birnen destilliert sein.
Der Prozess:
- Die ausgereiften Birnen werden nach der Ernte eingemaischt
- Die Maische beginnt zu gären – enthaltene Fructose verwandelt sich in Alkohol
- Sobald die Maische komplett vergoren ist, wird destilliert
- Das hochprozentige Williams-Christ-Destillat wird nur noch mit Wasser auf eine trinkbare Stärke (z.B. 42%vol) eingestellt
- Eine Zugabe von Abrundungszucker ist auf 10g limitiert (BRENNLUST Destillate sind grundsätzlich ohne Abrundungszucker – ist in unseren Augen eine Verfälschung)
Die Ausbeute ist minimal: Aus 100 Liter Maische (ca. 120 kg Birnen) erhalte ich ca. 6 Liter Williams-Christ Brand mit 42%vol – also 12 Flaschen à 0,5 Liter. (siehe auch Rohstoffliste mit amtlichen Ausbeutesätzen des Zolls.)
Die Herausforderungen des echten Obstbrands
- Zeitaufwändig: Baumpflege, händische Ernte, Einmaischen, Destillation – bis das Destillat in die Flasche kommt, sind unzählige Handgriffe nötig
- Abhängigkeit der Natur: Wir können nur das einmaischen, was uns die Natur gibt. Mal viel Obst, mal wenig, mal gar keins. 2023 konnten wir keine Williams brennen – ein schwerer Hagelsturm zerstörte die komplette Ernte
- Saisonale Produktion: Wir können nur einmal im Jahr produzieren, im Herbst, wenn die Birnen reif werden
- Geringe Ausbeute: Der Output ist im Vergleich zum Input minimal. Betriebswirtschaftlich ein fragwürdiges Unterfangen
Meine Vision: Echte Obstbrände als stolzes Kulturgut
Jeder soll echten Obstbrand kennen, schätzen und als stolzes, heimisches Kulturgut feiern.
Und diese Vision ist nicht nur meine persönliche Überzeugung – sie wurde 2024 auch offiziell bestätigt: Die handwerkliche Brennkunst wurde in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen.
Das bedeutet, dass unser traditionsreiches Handwerk nun den kulturellen Stellenwert erhält, den es verdient. Für mich als Brennerin in vierter Generation ist das eine unglaubliche Ehre und Bestätigung unserer Arbeit.
Was sagen Brenner, die beides herstellen?
Als Staatlich geprüfte Brennerin und ausgebildete Edelbrand-Sommelière kenne ich beide Herstellungsprozesse. Aber am glaubwürdigsten ist es, wenn Brenner sprechen, die beide Spirituosen praktisch destillieren und aus eigener Erfahrung vergleichen können.
Ich habe mein Brennernetzwerk befragt: „Du brennst ja beides, Obst und Whisky. Was von beidem ist schwieriger zu brennen?"
Sofie Masson, Brandhaus 7, 77740 Bad Peterstal-Griesbach:
"Auf alle Fälle Obst!!! Whisky zu brennen ist keine Wissenschaft, da kommt es vor allem auf die Fasslagerung an. Obst ist wesentlich filigraner.
Wolfgang Hillreiner, Hill Distillery, 82276 Adelshofen:
„In jedem Fall Obst! Klar, man braucht für Whisky ein bisschen andere Gerätschaften, aber wenn man sich nicht völlig dumm anstellt, kann sozusagen jeder ein passables Destillat herstellen. Gut, die Auswahl des richtigen Fasses und die passende Lagerung usw. sind nochmal eine andere Herausforderung, aber grundsätzlich kann man beim Whisky eigentlich nicht wirklich was falsch machen. Getreide ist Getreide. Ganzjährig und immer in guter Qualität verfügbar. Der Zeitpunkt, wann ich es destilliere, ist mehr oder weniger egal. Dagegen Obst, muss ich dir nicht erzählen. Optimaler Reifezeitpunkt, optimale Ernte, optimal hergestellte Maische, optimaler und langsamer Gärverlauf, optimale und aromaschonende Destillation. Und auch danach wenn möglich optimale Lagerung. Ist auch nur ein Punkt nicht optimal, ist das Ergebnis schon minderwertig. Beim Whisky dagegen liegt die Kunst weit mehr im richtigen Fassmanagement, aber weniger im Brennen selbst.“
Katharina Heinrich, 74613 Öhringen:
"Ich finde Obst. Allerdings habe ich Whisky nicht so oft gemacht und bin wahrscheinlich deshalb nicht tief im Thema drin wie bei Obst. Aber durch die ewig lange Fasslagerung wird doch so einiges glatt gebügelt… Wenn man das Malz jedoch selber räuchert oder toastet, sieht es vielleicht wieder anders aus."
Brennereien mit Fokus auf Whisky:
Fabian Rohrwasser, FARO Whisky Distillery, 21493 Schretstaken
"Obst ist filigraner und erfordert ganz andere Einstellungen an der Brennerei als Whisky. Bei Whisky liegt die Herausforderung darauf, dass es eben Whisky und keinen Korn wird. Beides ist aber im Prinzip gleich schwierig zu brennen."
Dieter Kübler, 75454 Michelfeld
"Getreide zu brennen ist für mich einfacher und angenehmer. Hier habe ich bereits jahrzehntelange Erfahrung, auf die ich zurückgreifen kann."
Was Obstbrände wirklich sind
Obstbrände sind das Konservat unserer heimischen Streuobstwiesen. Sie sind der leidenschaftliche Ausdruck einer Handwerkskunst mit jahrhundertealter Tradition. Sie zeigen die milde Seite unserer fruchtbaren Natur, aber auch die raue Seite, wenn Wettereinflüsse ihre Spuren im Obst hinterlassen haben.
Obstbrände sind echt, unverfälscht und ehrlich.
Wusstest du, dass ein einfacher Apfel über 300 verschiedene Aromen enthält? Florale, tropische, zitronige, würzige und nussige Aromen – und das ist keine Fantasie, sondern wissenschaftlich nachweisbar. Jedes Aromamolekül ist tatsächlich in der Frucht vorhanden.
Diese Vielfalt macht die Aromenwelt so herrlich faszinierend – und zeigt, wie viel Natur in jedem Tropfen steckt.
Was uns bleibt: Sichtbarkeit schaffen
Obstbrände verdienen dieselbe Anerkennung wie ihre international gefeierten Kollegen. Und weil wir nicht exportieren dürfen und keine große Marketing-Maschinerie hinter uns haben, müssen wir selbst aktiv werden.
Was bedeutet das?
Wir müssen unsere Geschichten erzählen. Unseren Kunden von unserem Handwerk berichten. Die Leidenschaft weitergeben. Wenn wir es schaffen, dass der Funke überspringt, brauchen wir internationale Bühnen nicht zwingend.
Denn es ist doch viel schöner, wenn wir unsere glücklichen Kunden direkt vor uns haben und die Begeisterung in ihren Augen sehen – genauso, wie es die schottischen Brenner in ihren Destillerien erleben dürfen.
Ich bin nicht grantig auf Whisky oder andere Spirituosen – ich habe tiefen Respekt für jedes ehrliche Handwerk. Aber ich wünsche mir, dass auch Obstbrände die Wertschätzung erhalten, die sie verdienen.
Und ich lade dich herzlich ein: Komm vorbei, probiere echte Obstbrände, lass dich von der Aromenwelt verzaubern. Erlebe selbst, was es bedeutet, wenn über 300 Aromen eines einzigen Apfels in einem Glas vereint sind.
Denn echte Obstbrände verdienen es, gekannt, geschätzt und gefeiert zu werden.
3 Kommentare
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Autorin Andrea
Ich brenne nicht nur für mein Leben gerne - sondern teile auch gerne mein Wissen, Erfahrung und Leidenschaft. In meinen Blogbeiträgen nehme ich Dich mit in den Alltag in unserer Brennerei und auf unseren kleinen Betrieb. Natürlich gibt es zwischendurch auch Drinks zu genießen.
Wie gewohnt bringst Du die Fakten bestens zusammengefasst auf den Punkt. Würde ich so unterschreiben. Fruchtbrände herzustellen, welche Aromen und Charakter der Frucht perfekt einfangen und wiedergeben ist eine der schwierigsten Disziplinen für einen Brenner bzw. einer Brennerin.
Stand heute ist die Wertschätzung bei weitem nicht dort wo sie hingehören würde. Dies aufgrund von fehlendem Wissen, welcher wiederum auf geringe Sichtbarkeit und Förderung der Kategorie basiert.
Es bleibt nur eins wie von dir geschrieben: Sichtbarkeit schaffen, Wissen vermitteln – weiter machen. Danke für Deine Bemühungen.
Genau das gleiche erleben wir beim Cider: Cidre aus der Normandie wird als Qualitätsprodukt mit Tradition wahrgenommen. Handwerklich produzierter Cider aus Süddeutschland wird als Bauern-“Moscht” abgetan, der sauer, derb, und unzeitgemäß abgetan. Dabei gibt es in beiden Regionen natürlich gute und schlechte Produkte – wobei jede Region natürlich ihren eigenen Charakter hat. Und das ist ja auch gut so.
Toller Beitrag bzgl Obstbrände.
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