Ein Landwirt pro Woche
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Doch der verflochtene Knäuel an Gedanken, war nicht der einzige Grund, weswegen ich nicht angefangen habe zu schreiben – es war viel mehr die Frage, ob ich überhaupt darüber schreiben soll. Denn es geht unter anderem um ein schwieriges Thema, ein Tabuthema: Suizid unter Landwirten.
Ich weiß gar nicht,
wie ich mit dem Schreiben anfangen soll.
Wo ich anfangen soll.
Wie man dieses Thema richtig beginnt.
„Wen haben wir verloren?“
Vielleicht fange ich am besten mit dem Auslöser meines Gedankenknäuels an. Das war die digitale Jahreshauptversammlung des Vereins freakstotable e.V.. Einer unserer Vorstände, Patrick, hielt eine kleine Ansprache zur Begrüßung. Seine Ansprache war diesmal anders, seine Stimmung war gedrückt. Er sprach von einem Mitglied, das wir verloren haben. Er sprach davon, dass wir (Mitglieder) unbedingt reden sollen, wenn es uns nicht gut geht. Dass wir füreinander da sind. Dass das jeder wissen soll. In diesem Moment habe ich noch gar nicht geahnt, was passiert ist. Nichtsahnend habe ich parallel eine WhatsApp an Patrick verfasst „Wen haben wir verloren? Welche Manufaktur ist aus dem Verein ausgetreten?“. Es ist kein Mitglied ausgetreten. Einer unserer Landwirte hat sich das Leben genommen.Mir sackte das Herz in die Hose. Nicht schon wieder. Die Suizidrate unter Landwirten ist hoch. Das weiß ich, aber es ist jedes Mal brutal, wenn man die Person kannte.
Die Bedingungen für Landwirte sind hart geworden und zunehmend so, dass man von Landwirtschaft schwer bis gar nicht leben kann. Auf die einzelnen Gründe möchte ich an dieser Stelle ganz bewusst nicht eingehen. Ich möchte dich einfach bitten, hinzunehmen, dass die Bedingungen katastrophal geworden sind.
Solltest du zu den vielen Skeptikern gehören, möchte ich dich nun um folgendes bitten: Erlaube für einen Moment diese Wahrheit: Die Klagen der Landwirte sind nicht nur echt, sondern auch berechtigt.
Jede Woche nimmt sich ein Landwirt in Bayern das Leben.
Am 8. September 2026 hat der BR einen Bericht ausgestrahlt „Alles für den Hof – Landwirte leiden häufiger an Depression“. Diesen Beitrag kann ich empfehlen, wenn du Einblick in betroffene Betriebe bekommen möchtest. Aber Achtung: es ist keine leichte Kost. Und eben in diesem Bericht wurden die aktuellen Zahlen aus Bayern berichtet: Ein Landwirt jede Woche.Das ist eine Katastrophe. Und bei solchen Zahlen muss eigentlich jedem Skeptiker ein Licht aufgehen und zur Erkenntnis kommen: „Ja, möglicherweise sind die Bedingungen für Landwirte tatsächlich so katastrophal, wie sie seit Jahren beklagt werden.“
Dass die Zahl der Suizide in der Agrarbranche höher sind, war mir schon lange bekannt. Doch die Situation verschlechterte sich in den vergangen Jahren drastisch. Die wirtschaftliche Lage wird für Landwirte immer schwieriger. Dazu kommen Arbeitsüberlastung und Generationenkonflikte. Eine hohe Arbeitsleistung kann über viele Jahre erbracht werden, wenn man erfolgreich ist – wenn es sich einfach lohnt. Wenn aber das Überleben immer schwieriger wird und die Anerkennung in der Gesellschaft auch noch ausbleibt, wird es hart.
KRISENHOTLINE der SVLFG
Tel.: 0561 785 – 10101
24 Stunden und 7 Tage die Woche
Seit 2018 gibt es eine Krisen-Hotline der SVLFG (Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau), die rund um die Uhr erreichbar ist – spezialisiert auf Landwirte! Diese Notfall-Hotline hat einen enormen Vorteil gegenüber „regulären“ Notfall-Hotlines. Am anderen Ende der Leitung sitzt eine Person, die darauf geschult ist, Landwirte zu unterstützen. Der Seelsorger wird eben nicht so Sätze sagen wie: „Dann geh in den Urlaub!“, „Lass dich krankschreiben“, „Kündige!“.
Die Herausforderungen der Landwirte sind oft ähnlich: Arbeitsüberlastung, finanzieller Druck, hohe Verantwortung und Generationenkonflikte. Und genau dafür braucht es passende Hilfestellungen.
Aber es braucht mehr als eine Notfall-Seelsorge. Es braucht soviel mehr.
„Die Landwirte jammern seit eh und je!“
Haben Landwirte einfach zu viel gejammert und schon zu lange gejammert, dass man es ihnen nicht mehr abkauft? Ja und Nein. Seit ich denken kann, haben Landwirte (gefühlt) mehr gejammert als andere Berufsgruppen. Ich glaube aber, dass hier folgende Begriffe die damalige und heutige Situation gut beschreiben und in Relation setzen:Früher ging es ums Leben – heute geht es ums Überleben.
Mit „Leben“ meine ich: Anspruch auf Freizeit, Work-Life-Balance, Anspruch auf Urlaub, Anspruch darauf, sich auch mal etwas Leisten und Gönnen zu können. Heute geht es darum, überhaupt von der Landwirtschaft leben zu können und seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können.Was braucht es? Und was braucht es nicht?
Ein bisschen ist schon da: Es wird berichtet. Die Opfer werden sichtbarer. Es gibt Beratungsstellen. Das Thema wird enttabuisiert.
Es braucht Marktbedingungen, die fair und wirtschaftlich sind. Aber es braucht auch einen Lebensmitteleinzelhandel der mit Zulieferern faire Preise verhandelt und eben nicht Dumpingpreise durch Alternativkauf aus dem Ausland erpresst.
Und es braucht Konsumenten, die die Arbeit von Landwirten anerkennen und wertschätzen. Alles, was wir von früh morgens bis spät abends konsumieren, wäre ohne die Leistung von Landwirten nicht möglich. Wir brauchen keine Konsumenten, die sich harte Urteile erlauben, trotz fehlendem Wissen.
Wir brauchen keine Konsumenten, die in Social Media ihren Frust in Kommentarspalten ablassen und verbal auf Landwirte eintreten. Das ist unmenschlich, bitte einfach nicht machen. Wenn man sich was böses über Landwirte denken möchte, dann kann man die Gedanken bei sich behalten.
Wir brauchen Aufklärung und andererseits Konsumenten, die sich für die Aufklärung interessieren – und diese annehmen.
Wir brauchen aber auch Konsumenten, die bereit sind ein paar Euro mehr für Lebensmittel aus Deutschland auszugeben. Und mir ist bewusst, dass das von dem ein oder anderen viel verlangt. Vielleicht soviel, dass man etwas anderes aus dem Alltag streichen muss.
Doch dass man sich täglich für Lebensmittel aus Deutschland entscheidet ist relevant. Es ist relevant für die Landwirte, die deine Lebensmittel produzieren.
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Author Andrea
Not only do I love distilling, but I also enjoy sharing my knowledge, experience, and passion. In my blog posts, I take you on a journey through everyday life at our distillery and on our small business. Of course, there are also drinks to enjoy along the way.
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